Biographie
Pia Imbar
Stimme, Geste und Spur
Als bildende Künstlerin und lyrische Sängerin (Mezzosopran) arbeite ich seit mehreren Jahren an der Schnittstelle zweier Disziplinen: dem grafischen Ausdruck — Zeichnung, Malerei, visuelle Performance — und dem Gesang.
Jede Disziplin existiert in meinem Leben eigenständig, mit ihren eigenen Anforderungen und Rhythmen. Ausstellungen, Konzerte, manchmal beides in einem einzigen Ereignis vereint — jede Kunst für sich. Doch die Frage, die meine Forschung leitet, ist die ihrer Begegnung: Wie kann die grafische Geste zu einer vollwertigen szenischen Handlung werden, getragen von der Sängerin selbst — nicht als Illustration oder Kulisse, sondern als lebendige Präsenz, untrennbar vom vokalen Akt?
Das nenne ich Canōgraphie: die Begegnung zwischen grafischer Geste und der singenden Stimme. Sie kann viele Formen annehmen — Live-Zeichnung, Malerei, Lichtspur — und setzt nicht notwendigerweise Gleichzeitigkeit voraus. Gesang und Geste können sich verflechten, abwechseln, ineinander atmen — je nach dramaturgischer Struktur. Gleichzeitigkeit ist eine Möglichkeit, die ich erforsche — unter anderen.
Die Szenographie nährt diese Forschung: den Raum als Architektur der Präsenz, des Atems, des Körpers zu denken, der in Echtzeit schöpft.
Meine Gesangsausbildung begann am Conservatoire de musique d'Orléans und wurde in Privatstunden fortgesetzt, parallel zu meinem Szenographiestudium an der Universität Mozarteum Salzburg (in den Klassen von Herbert Kapplmüller und anschließend Henrik Ahr), wo ich 2022 meinen Magister erwarb.
Eine stillere Neugier durchzieht all das: das Interesse für das, was sich spüren, aber nicht sehen lässt — Atem, Apnoe, die innere Architektur des singenden Körpers. Diese Erkundung trägt den Namen Interozeption — Den empfundenen Körper im Singen kartografieren — und entstand in meiner Szenographiearbeit als szenisches Element und wurde seither beim Mozarteum Research Competition vorgestellt.
Das Apnoetauchen kam später, im April 2024. Bereits im November 2024 gewann ich den ersten Platz bei den Salzburger Regionalmeisterschaften, und 2025 wurde ich sowohl Regional- als auch Österreichische Nationalmeisterin. Meine aktuellen Bestleistungen: 6'02" im statischen Apnoetauchen, 150m im Flossenschwimmen und 96m ohne Flossen. Mehr als die Leistung interessiert mich die Kreuzung der Disziplinen.
Canōgraphie
Mit Licht und Atem zeichnen: Stimme und Geste verschmelzen
Die Canōgraphie ist eine von mir entwickelte vokale und visuelle Praxis, in der Gesang zur grafischen Geste wird. Durch das Anbringen leuchtender Manschetten an den Unterarmen der Interpretin und die Langzeitbelichtung ihrer Bewegungen entstehen Lichtspuren, die die emotionalen und körperlichen Nuancen des Gesangs sichtbar machen, ohne die natürliche Haltung der Sängerin zu verändern.
Das Wort Canōgraphie , gebildet aus dem lateinischen canō („ich singe“) und dem griechischen graphein („schreiben, zeichnen“), bezeichnet diese verkörperte Form der Kalligrafie, in der Stimme und Geste in einem gemeinsamen Atemzug verschmelzen. Anders als bei einer äußeren Aufnahme oder bewussten Illustration geht es hier darum, die intime Gestik des Gesangs sichtbar zu machen — jene, die spontan aus dem Atem, dem Phrasieren und dem inneren Impuls entsteht.
Diese Forschung entspringt meinem Wunsch, meine beiden künstlerischen Praktiken — Gesang und Zeichnung — miteinander zu verbinden. Erste Versuche, gleichzeitig mit Kohle zu zeichnen und zu singen, zeigten die physische Unvereinbarkeit dieser beiden Handlungen. So entwickelte ich ein Verfahren, bei dem die Zeichnung auf natürliche Weise aus der vokalen Geste hervorgeht, ohne den Gesangsvorgang zu unterbrechen.
Die Canōgraphie wurde erstmals am Mozarteum Salzburg im Rahmen des Programms Spot-On-MozART (Juli 2023) erprobt, das ihre erste Realisierung förderte: drei Werke Mozarts für Frauenstimme a cappella, jeweils von einer eigenen emotionalen Färbung getragen, deren Einzigartigkeit eine unverwechselbare Spur im Bild hinterlässt. Die in diesen Sitzungen entstandenen Lichtspuren wurden im Foyer des Mozarteums ausgestellt, begleitet von einem dokumentarischen Kurzfilm über den Entstehungsprozess. Ihren ersten szenischen Einsatz erlebte die Praxis sodann in der Produktion Micromégas: A Celestial Pastoral (Salzburg, Juli 2025), wo sie eine neue Dimension offenbarte: in eine Inszenierung eingebunden, ist die Lichtspur nicht mehr bloße Illustration, sondern wird selbst zu einem dramaturgischen Element im Dialog mit dem Raum und der szenischen Geste.
Das Konzept und die Werke wurden seither in mehreren internationalen Kontexten präsentiert: bei der Research Competition der Universität Mozarteum Salzburg (2024), beim Festival du Bruit qui Pense in Louveciennes, Frankreich (März 2024), auf der Kunstmesse Justmad, vertreten durch die Galerie Panoptikum in Madrid, Spanien (März 2024), sowie bei der 21. Ausgabe von Design Without Borders im Kiscell Museum in Budapest, Ungarn (Oktober–November 2025). Eine Ausstellung ist zudem für 2027 am Museo Camera in Gurugram (Region Delhi, Indien) in Vorbereitung, und die Canōgraphie wurde soeben für den WELTENBAUER AWARD 2026 in Rostock, Deutschland, nominiert. Mehrere dieser Präsentationen — in Louveciennes, Budapest und Gurugram — werden von den Österreichischen Kulturforen der jeweiligen Länder unterstützt.
Interozeption
Den empfundenen Körper im Singen kartografieren
Der lyrische Gesang mobilisiert das gesamte Sein — Körper, Atem, Erinnerung, Empfindung. Es geht nicht nur darum, einen Klang zu erzeugen, sondern eine Präsenz vollständig zu verkörpern. Mit jeder musikalischen Phrase entfaltet der Sänger Spannungen, Elastizitäten und feine innere Landschaften. Diese Zeichnungen versuchen, dem, was gespürt, aber nicht gesehen wird, eine Form zu geben: Sie wollen das Unsichtbare kartieren.
Diese grafische Forschung entspringt meiner eigenen Praxis des klassischen Gesangs und des Apnoetauchens und wurde aus einer persönlichen Notwendigkeit geboren: der Erforschung, wie die Interozeption — das Wahrnehmen innerer Empfindungen — den stimmlichen Ausdruck unterstützt. Das Apnoetauchen hat mich eine neue Dimension der Entspannung und Stressbewältigung gelehrt und mich dazu gebracht, die innere Stille zu beobachten. Auch der Gesang gründet sich auf eine innere Körperarchitektur — vom Zwerchfell bis zum Nasenrachenraum, vom Kreuzbein bis zur Fontanelle —, die eher gespürt als bewusst kontrolliert wird.
Diese Bilder sind weder medizinisch noch symbolisch. Sie zeichnen Spannungen, Volumina, Vibrationen und Resonanzen nach: etwa einen sich dehnenden Muskel, einen sich öffnenden Brustkorb oder eine Unterstützungs¬linie, die sich wie ein „elastisches Band“ durch den Oberkörper spannt. Manchmal konzentriere ich mich auf ein bestimmtes Empfinden, manchmal entwerfe ich eine umfassende Vision des singenden Körpers. Es geht nicht darum, Anatomie zu illustrieren, sondern eine erlebte, poetische und funktionale Kartografie der verkörperten Stimme zu offenbaren.